Eine Einordnung zur aktuellen Vergütungsdebatte
In den letzten Wochen mehren sich kritische Stimmen in Fachmedien, Kommentaren und sozialen Netzwerken:
„Solarstrom bringt kaum noch etwas.“
„Die Rückliefervergütung lohnt sich nicht mehr.“
„Warum soll man überhaupt noch einspeisen?“
Solche Aussagen greifen reale Entwicklungen auf – greifen aber oft zu kurz. Um die aktuelle Situation einzuordnen, lohnt sich ein nüchterner Blick auf Marktmechanismen, Regulierung und technische Realität in der Schweiz.
Warum die Diskussion gerade jetzt eskaliert
Seit Anfang 2026 richtet sich die Rückliefervergütung für Solarstrom grundsätzlich am Referenzmarktpreis aus. Dieser bildet die tatsächliche Marktsituation ab – inklusive:
- hoher Produktion an sonnigen Tagen
- geringer Nachfrage in einzelnen Stunden
- teilweise sehr tiefen oder sogar negativen Preisen
Gerade im Frühling, wenn Photovoltaik hohe Erträge liefert, führt das zu besonders niedrigen Vergütungen. Genau diese Situation prägt aktuell die öffentliche Diskussion.
Einordnung: Marktlogik statt Förderlogik
Was dabei oft übersehen wird:
Diese Entwicklung ist kein Fehler im System, sondern politisch gewollt. Mit dem Stromgesetz verfolgt der Bund das Ziel, Solarstrom stärker in den Markt zu integrieren und:
- Lastspitzen zu entschärfen
- Flexibilität zu belohnen
- Fehlanreize durch Pauschalvergütungen zu reduzieren
Swissolar weist in aktuellen Stellungnahmen darauf hin, dass damit bewusst neue Planungsrealitäten geschaffen wurden – insbesondere für Anlagen ohne nennenswerten Eigenverbrauch.
Warum Eigenverbrauch und Speicher an Bedeutung gewinnen
Tiefe Marktpreise bedeuten nicht, dass Solarstrom „wertlos“ ist. Sie bedeuten, dass sein Wert orts- und zeitabhängig wird.
In der Praxis heisst das:
- Lokal genutzter Solarstrom ersetzt teuren Netzstrom
- Batteriespeicher glätten Produktionsspitzen
- Flexible Verbraucher (Wärmepumpe, E‑Mobilität) gewinnen an Relevanz
Diese Verschiebung ist kein Nebeneffekt, sondern Kern der aktuellen Energiepolitik.
Zusätzlicher Druck: Systemverträglichkeit
Parallel dazu mahnt Swissgrid in einem viel beachteten White Paper, dass der weitere Ausbau der Photovoltaik nur dann funktionieren kann, wenn Anlagen:
- steuerbar sind
- netzdienlich betrieben werden
- Systemdienstleistungen nicht erschweren, sondern unterstützen
Auch diese Diskussion verstärkt das Gefühl, dass sich die Rahmenbedingungen gerade spürbar verändern.
Fazit: Kein Ende der Solarenergie – aber ein Perspektivenwechsel
Die aktuelle Vergütungsdebatte zeigt weniger ein Problem der Photovoltaik als ein Ende der einfachen Erklärungen.
Solarstrom bleibt zentral für die Schweizer Energiezukunft. Gleichzeitig gilt:
- Einspeisen ist nicht mehr automatisch der wirtschaftlichste Weg
- Planung gewinnt gegenüber Standardlösungen an Bedeutung
- Energiesysteme zählen mehr als Einzelanlagen
Wer diese Zusammenhänge versteht, kann auch unter den neuen Rahmenbedingungen wirtschaftlich und sinnvoll planen.
Über den Autor
Flavio Wyss ist Geschäftsführer und Partner bei siworks Solar. Er moderiert den Solar-Podcast "Bock auf Solar" und begleitet Kunden von der Planung bis zur Umsetzung und Inbetriebnahme. Dank seiner langjährigen Erfahrung ist er ein ausgewiesener Fachmann in seinem Gebiet.



