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Kann das EW meine PV-Anlage steuern?

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Fakten statt Gerüchte zur Steuerung von Solaranlagen in der Schweiz

Mit dem zunehmenden Ausbau von Photovoltaikanlagen in der Schweiz taucht immer häufiger eine Frage auf:

Kann mein Elektrizitätswerk (EVU) meine Photovoltaikanlage drosseln oder sogar abschalten?

Rund um dieses Thema kursieren viele Unsicherheiten – und leider auch einige Missverständnisse. In diesem Beitrag erklären wir, was Elektrizitätswerke tatsächlich dürfen, wie häufig solche Eingriffe vorkommen und weshalb PV-Anlagenbesitzer in der Praxis kaum Nachteile haben.

Warum wird überhaupt über eine Steuerung von PV-Anlagen gesprochen?

Der massive Ausbau der Photovoltaik verändert die Anforderungen an das Stromnetz:

  • Hohe Stromproduktion zur gleichen Zeit (z. B. an sonnigen Mittagen)
  • Lokale Netzengpässe in einzelnen Quartieren
  • Stark steigende Rückspeisung ins Verteilnetz

Um die Netzstabilität und Versorgungssicherheit langfristig zu gewährleisten, verfügen die Elektrizitätswerke über bestimmte Eingriffsmöglichkeiten. Diese sind jedoch klar geregelt, technisch definiert und stark eingeschränkt.

Kann das Elektrizitätswerk meine PV-Anlage abschalten?

Ja, aber nur unter klaren Voraussetzungen.

In der Schweiz können Photovoltaikanlagen mit einer sogenannten Rundsteuer-Schnittstelle ausgestattet sein. Diese ermöglicht es dem Elektrizitätswerk, im Bedarfsfall ein Signal an die Anlage zu senden.

Wichtig dabei:

Es geht ausschliesslich um die Einspeisung ins öffentliche Netz, nicht um den Eigenverbrauch im Gebäude.

Was ist ein Rundsteuerempfänger?

Ein Rundsteuerempfänger ist ein Gerät, das Steuersignale über das Stromnetz empfängt. Diese Technologie wird in der Schweiz seit Jahrzehnten eingesetzt, unter anderem für:

  • Warmwasserboiler
  • Wärmepumpen
  • Tarifumschaltungen (Tag/Nacht)
  • und bei Bedarf auch für PV-Anlagen

Was kann konkret gesteuert werden?

Je nach Vorgaben des Elektrizitätswerks sind folgende Eingriffe möglich:

1. Temporäre Reduktion der Einspeiseleistung

Die Einspeisung kann stufenweise reduziert werden, um lokale Netzüberlastungen zu vermeiden.

2. Temporäre Abschaltung der Einspeisung

In seltenen Ausnahmefällen kann die Einspeisung vollständig unterbrochen werden. Der im Haus produzierte Strom kann weiterhin selbst genutzt werden.

Wie häufig kommen solche Eingriffe vor?

Sehr selten!

Diese Massnahmen sind als Sicherheitsmechanismus gedacht, beispielsweise:

  • bei aussergewöhnlicher Netzbelastung
  • bei technischen Störungen
  • bei Arbeiten am Verteilnetz

Viele PV-Anlagen laufen über Jahre hinweg, ohne jemals aktiv vom EVU gesteuert zu werden.

Die 70%-Regel: Was bedeutet das konkret?

In der Praxis setzen heute nahezu alle Elektrizitätswerke in der Schweiz auf eine Begrenzung der maximalen Einspeiseleistung.

Maximale Einspeisung: 70 % der installierten Modulleistung (kWp)

Beispiel:

10 kWp PV-Anlage → maximale Einspeisung ins Netz: 7 kW

Entscheidend ist:

  • Die Begrenzung bezieht sich auf die Modulleistung, nicht auf die Wechselrichterleistung.

Hat die 70%-Regel einen spürbaren Einfluss?

In der Praxis: kaum. Warum?

  • Spitzenleistung tritt selten auf
    Die maximale Leistung wird nur unter idealen Bedingungen erreicht – meist nur kurzzeitig.
  • Eigenverbrauch hat Vorrang
    Strom wird zuerst im Gebäude genutzt.
  • Intelligente Steuerung gleicht automatisch aus

Typische Verbraucher wie:

  • Wärmepumpe
  • Boiler
  • Elektroauto
  • Batteriespeicher

nutzen den Solarstrom direkt, bevor überhaupt eine Begrenzung greift.

Das Ergebnis: Minimale Energieverluste bei gleichzeitig stabiler Netzintegration.

Wer setzt die 70%-Regel um?

Nicht das Elektrizitätswerk in Echtzeit.

Die Begrenzung wird lokal umgesetzt – zum Beispiel durch:

  • den Wechselrichter
  • ein Energiemanagementsystem (EMS)

Diese Systeme stellen sicher, dass die Einspeisegrenze eingehalten wird, ohne externe Eingriffe.

Unterschiede zwischen den Elektrizitätswerken

In der Schweiz existieren zahlreiche Verteilnetzbetreiber, entsprechend unterscheiden sich die technischen Anschlussbedingungen je nach Netzgebiet.

Unterschiede betreffen beispielsweise:

  • Pflicht zur aktiven Steuerbarkeit
  • Einsatz eines Rundsteuerempfängers
  • Anforderungen abhängig von Anlagengrösse 

Vereinfachte Praxisbeispiele:

  • Grössere EVUs (z. B. CKW, BKW, ewz)
    → klare Vorgaben zur Einspeisebegrenzung
    → Steuerbarkeit je nach Anlagengrösse oder Netzsituation
  • Regionale oder kleinere Werke
    → teilweise Pflicht für Rundsteuerempfänger
    → teilweise genügt eine technische Vorbereitung 

Entscheidend ist immer das jeweilige Netzgebiet.

Das technische Anschlussgesuch (TAG) ist zentral für jede PVA-Installation

Unabhängig vom Elektrizitätswerk gilt:

Ohne technisches Anschlussgesuch keine PV-Anlage.

Darin werden verbindlich definiert:

  • maximale Einspeiseleistung
  • Anforderungen an Steuerbarkeit
  • Schutz- und Abschaltkonzepte
  • erforderliche Schnittstellen 

Dieses Dokument legt fest, wie die Anlage betrieben werden darf und schafft klare Rahmenbedingungen für beide Seiten.

Thema 70%-Regel Rundsteuerung
Art Feste Begrenzung Temporäre Eingriffe
Steuerung Lokal (WR / EMS) Elektrizitätswerk
Häufigkeit Dauerhaft Sehr selten
Einfluss Gering Situationsbedingt

Fazit: Kein Grund zur Sorge

Auch wenn das Thema auf den ersten Blick kritisch wirkt:

  • Die Eingriffsmöglichkeiten der EVUs sind klar geregelt
  • Die 70%-Regel verursacht kaum Ertragsverluste
  • Der Eigenverbrauch gewinnt zunehmend an Bedeutung
  • Moderne Systeme holen das Maximum aus der Anlage heraus 

Eine moderne PV-Anlage bleibt auch unter diesen Rahmenbedingungen wirtschaftlich und effizient.

Unser Praxistipp

Wer heute eine Photovoltaikanlage plant, sollte besonders auf folgende Punkte achten:

  • Ein leistungsfähiges Energiemanagementsystem
  • Integration von Verbrauchern (Wärmepumpe, Boiler, E-Mobilität)
  • Frühzeitige Berücksichtigung der EVU-Vorgaben

So wird aus einer PV-Anlage ein abgestimmtes Energiesystem – unabhängig von Netzanforderungen.

Über den Autor

Flavio Wyss Verkaufsleiter siworks solar
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Flavio Wyss ist Verkaufsleiter und Partner bei siworks Solar. Er moderiert den Solar-Podcast "Bock auf Solar" und begleitet Kunden von der Planung bis zur Umsetzung und Inbetriebnahme.