Was dynamische Einspeisetarife und negative Mittagspreise wirklich bedeuten
In Kundengesprächen taucht derzeit immer wieder die gleiche Frage auf: Lohnt sich ein Batteriespeicher noch oder gerade jetzt, wenn die Einspeisevergütung sinkt und in den Medien von negativen Strompreisen die Rede ist?
Die Frage ist berechtigt. Denn die Rahmenbedingungen für Betreiberinnen und Betreiber von Photovoltaikanlagen verändern sich spürbar. Es geht nicht mehr nur darum, möglichst viel Solarstrom zu produzieren. Entscheidend wird zunehmend, wann dieser Strom verbraucht, gespeichert oder ins Netz eingespeist wird.
Warum die Diskussion jetzt an Bedeutung gewinnt
In der Schweiz wird immer mehr Solarstrom produziert. Das ist grundsätzlich erfreulich und wichtig für die Energiewende. Gleichzeitig führt die hohe Produktion an sonnigen Tagen immer häufiger dazu, dass über Mittag sehr viel Strom im Netz vorhanden ist. In solchen Situationen sinken die Marktpreise stark und können zeitweise sogar negativ werden. Bisher war das für viele private Anlagenbetreiber nur indirekt spürbar. Viele Elektrizitätswerke arbeiteten mit fixen, saisonalen oder gemittelten Rückliefertarifen. Dadurch kam die kurzfristige Marktsituation nicht eins zu eins beim Betreiber einer PV Anlage an. Diese Logik verändert sich nun schrittweise. Seit 2026 gelten neue Regeln für die Abnahmevergütung von Solarstrom. Wenn sich Produzent und Netzbetreiber nicht auf eine Vergütung einigen, orientiert sich diese am Referenzmarktpreis. Für kleinere Anlagen unter 150 kW gibt es zudem eine Minimalvergütung, welche eine gewisse Investitionssicherheit schaffen soll. Der nächste wichtige Schritt folgt ab 2027: Der Bundesrat hat entschieden, dass Verteilnetzbetreiber Solarstrom künftig stärker nach dem Marktpreis zum Zeitpunkt der Einspeisung vergüten können. Damit wird der Zeitpunkt der Einspeisung deutlich wichtiger. Wer viel Solarstrom genau dann ins Netz einspeist, wenn der Strommarktpreis tief oder negativ ist, muss künftig eher mit tieferen Erlösen rechnen.
Negative Preise treffen nicht alle gleich
Wichtig ist: Negative Börsenpreise bedeuten nicht automatisch, dass jede private PV Anlage sofort Geld verliert. Entscheidend ist immer das konkrete Tarifmodell des lokalen Elektrizitätswerks. Einige Betreiber haben weiterhin fixe oder saisonale Einspeisetarife. Andere Tarife orientieren sich stärker am Markt. Mit der neuen Regelung ab 2027 dürfte die zeitliche Komponente aber an Bedeutung gewinnen. Das heisst: Solarstrom, der direkt im Gebäude genutzt, gespeichert oder lokal weitergegeben wird, kann wirtschaftlich wertvoller sein als Solarstrom, der an sonnigen Tagen über Mittag ungenutzt ins Netz fliesst. Die einfache Logik «jede eingespeiste Kilowattstunde bringt gleich viel» wird damit weniger selbstverständlich.
Was bedeutet das für Batteriespeicher?
Ein Batteriespeicher ist kein Wundermittel und auch nicht für jede Anlage automatisch wirtschaftlich. Er kann aber in der neuen Tarifwelt deutlich wichtiger werden. Der Hauptnutzen eines Speichers liegt darin, Solarstrom vom Mittag in den Abend oder in die Nacht zu verschieben. Dadurch wird weniger Strom zu Zeiten mit tiefer Vergütung eingespeist und mehr Solarstrom selbst genutzt, wenn sonst Netzstrom bezogen werden müsste. Ob sich ein Speicher lohnt, hängt von mehreren Faktoren ab:
• Höhe des Strombezugspreises
• Höhe und Struktur der Einspeisevergütung
• Verbrauch am Abend und in der Nacht
• Grösse der PV Anlage
• vorhandene Verbraucher wie Wärmepumpe, Boiler oder Elektroauto
• Tarifmodell des Netzbetreibers
• Investitionskosten und Speichergrösse
Ein zu grosser Speicher ist nicht automatisch besser. Gerade im Sommer kann er schnell voll sein, während im Winter oft zu wenig überschüssiger Solarstrom zur Verfügung steht. Entscheidend ist deshalb eine saubere Dimensionierung. Ein Speicher soll nicht nach Bauchgefühl gewählt werden, sondern passend zum Verbrauchsprofil, zur PV Anlage und zur künftigen Tarifstruktur.
Speicher löst nicht alles
In der aktuellen Diskussion wird oft so getan, als sei ein Batteriespeicher die einzige Antwort auf sinkende Einspeisevergütungen. Das greift zu kurz. Ein Speicher kann Solarstrom zeitlich verschieben. Er kann aber keine saisonalen Unterschiede ausgleichen. Die hohe Produktion im Sommer lässt sich damit nicht einfach in den Winter retten. Ein Heimspeicher verschiebt Energie typischerweise über Stunden, nicht über Monate. Auch bei negativen Preisen ist ein Speicher nicht automatisch die perfekte Lösung. Wenn die Batterie bereits voll ist und keine weiteren Verbraucher zur Verfügung stehen, fliesst überschüssiger Strom trotzdem ins Netz. Darum ist nicht nur die Batterie entscheidend, sondern das gesamte Energiesystem im Gebäude.
Nicht nur speichern, sondern intelligent steuern
Die bessere Frage lautet deshalb nicht: Brauche ich möglichst viel Speicher? Sondern: Wie kann ich meinen Solarstrom möglichst sinnvoll nutzen? Neben der Batterie gibt es weitere Verbraucher, die gezielt dann betrieben werden können, wenn viel Solarstrom vorhanden ist oder die Strompreise tief sind. Dazu gehören zum Beispiel:
• Warmwasserboiler
• Wärmepumpen
• Ladestationen für Elektroautos
• Batteriespeicher
• steuerbare Verbraucher im Gebäude
Wenn diese Komponenten sinnvoll zusammenspielen, steigt der Eigenverbrauch und die Einspeisung zu ungünstigen Zeiten wird reduziert. Damit wird das Gebäude vom passiven Stromverbraucher zum aktiven Energiesystem. Es produziert, speichert, verbraucht und verschiebt Energie abhängig von Wetter, Verbrauch und Tarifsituation. Genau hier setzen moderne Energiemanagementsysteme an. Sie reagieren nicht mehr nur auf aktuellen PV Überschuss, sondern arbeiten zunehmend mit Prognosen, Verbrauchsmustern und dynamischen Strompreisen. Diesem Thema widmen wir uns in einem separaten Beitrag.
Was bedeutet das für bestehende Anlagen?
Für bestehende PV Anlagen lohnt sich eine Überprüfung. Nicht jede Anlage braucht sofort einen Speicher. Aber viele Anlagen können durch eine bessere Steuerung, eine Speicherlösung oder die Einbindung von E Mobilität und Warmwasser deutlich optimiert werden. Sinnvoll ist eine Analyse von:
• PV Produktion
• Stromverbrauch über den Tag
• Einspeisung
• Netzbezug
• bestehendem Rückliefertarif
• künftigem Tarifmodell des Elektrizitätswerks
• möglichen steuerbaren Verbrauchern
Bereits wenige Wochen mit Messdaten können zeigen, ob ein Speicher wirtschaftlich Sinn macht oder ob zuerst andere Massnahmen sinnvoller sind. Gerade bei bestehenden Anlagen ist wichtig, nicht nur die Jahresproduktion anzuschauen. Entscheidend ist die zeitliche Verteilung. Wann wird produziert? Wann wird verbraucht? Wann wird eingespeist? Und wann wird Strom aus dem Netz bezogen? Ohne diese Daten bleibt die Speicherfrage oft Spekulation.
Was bedeutet das für neue PV Anlagen?
Bei neuen Anlagen sollte die Planung nicht mehr nur auf die maximale Dachbelegung reduziert werden. Natürlich bleibt eine gut dimensionierte PV Anlage die Basis. Aber die Frage lautet zunehmend:
Wie wird der produzierte Solarstrom möglichst sinnvoll genutzt?
Darum sollten PV Anlage, Batteriespeicher, E Mobilität, Wärmepumpe, Boiler und Energiemanagement gemeinsam betrachtet werden. So entsteht ein System, das nicht nur Strom produziert, sondern die Energiekosten langfristig optimiert. Das bedeutet nicht, dass jede Anlage möglichst komplex sein muss. Es bedeutet aber, dass Schnittstellen und Erweiterungsmöglichkeiten von Anfang an mitgedacht werden sollten. Wer heute eine PV Anlage plant, sollte sich deshalb nicht nur fragen, wie viele Module aufs Dach passen. Genauso wichtig ist die Frage, welche Verbraucher künftig eingebunden werden können und wie flexibel das System auf neue Tarifmodelle reagieren kann.
Tarifmodell und Lastprofil sind entscheidend
In der Debatte wird oft die Anlagengrösse in den Vordergrund gestellt. Entscheidend sind jedoch die Höhe und Struktur der Strompreise, die Einspeisevergütung und das eigene Verbrauchsverhalten. Eine grössere PV Anlage kann sinnvoll sein, wenn der Strom lokal genutzt oder intelligent verschoben werden kann. Ohne Eigenverbrauch, Speicher oder steuerbare Verbraucher steigt hingegen vor allem die Einspeisung über Mittag. Genau diese Einspeisung kann künftig wirtschaftlich weniger attraktiv werden. Umgekehrt kann eine gut dimensionierte Anlage mit sinnvoll eingebundenem Speicher, Boiler, Wärmepumpe oder Elektroauto deutlich mehr Nutzen bringen als eine Anlage, die nur auf maximale Produktion ausgelegt ist. Die wichtigste Grundlage bleibt deshalb eine saubere Analyse des eigenen Verbrauchsprofils.
Praxisnahe Schritte zur Entscheidung
Wer wissen möchte, ob ein Speicher oder eine Optimierung sinnvoll ist, sollte pragmatisch vorgehen. Im ersten Schritt sollten die eigenen Stromtarife und Einspeisebedingungen geprüft werden. Dabei geht es nicht nur um den heutigen Rückliefertarif, sondern auch um mögliche angekündigte Änderungen des Elektrizitätswerks. Im zweiten Schritt sollten Verbrauchs und Produktionsdaten ausgewertet werden. Viele Wechselrichter, Smart Meter oder Energiemanagementsysteme liefern bereits gute Grundlagen. Im dritten Schritt kann simuliert werden, wie sich ein Speicher, eine Ladestation, ein Boiler oder eine bessere Steuerung auf Eigenverbrauch, Netzbezug und Einspeisung auswirkt. Erst auf dieser Basis lässt sich seriös beurteilen, ob ein Speicher heute wirtschaftlich Sinn macht, ob eine kleinere Lösung genügt oder ob zuerst andere Massnahmen sinnvoller sind.
Fazit
Die Diskussion um negative Mittagspreise und sinkende Einspeisetarife ist mehr als ein kurzfristiges Medienthema. Die gesetzlichen und regulatorischen Änderungen zeigen klar: Der Zeitpunkt der Einspeisung wird wichtiger. Für Betreiberinnen und Betreiber von PV Anlagen bedeutet das nicht, dass jede Anlage sofort einen Speicher braucht. Es bedeutet aber, dass Eigenverbrauch, Speicher, Lastverschiebung und Energiemanagement künftig eine grössere Rolle spielen. Wer heute eine PV Anlage plant oder eine bestehende Anlage optimieren möchte, sollte nicht nur fragen: Wie viel Strom kann ich produzieren? Die wichtigere Frage lautet: Wie nutze, speichere und steuere ich meinen Solarstrom so, dass er für mich den grössten Wert hat?
Über den Autor
Flavio Wyss ist Geschäftsführer und Partner bei siworks Solar. Er moderiert den Solar-Podcast "Bock auf Solar" und begleitet Kunden von der Planung bis zur Umsetzung und Inbetriebnahme. Dank seiner langjährigen Erfahrung ist er ein ausgewiesener Fachmann in seinem Gebiet.



